Smart Occupancy für Smart Cities: Interview mit Prof. Dietmar Wiegand

Smart Occupancy für Smart Cities: Ziele, Effekte und Potenziale – ein Interview von Dora Hably (DH) mit Prof. Dietmar Wiegand (DW), der den Begriff Smart Occupancy geprägt hat.

 

DH: Eine Facette der intelligenten Nutzung gebauter Umwelt, der sogenannten „Smart Occupancy“, ist ihre mehrfache Nutzung – was sollen wir darunter verstehen?

DW: Wirklich verstehen, was Mehrfachnutzung gebauter Umwelt ist, können wir nur, wenn wir den Raum nicht als etwas Statisches betrachten, sondern wie in einem Film als etwas sehen, das in der Zeit existiert und dessen Zustand sich durch Menschen über die Zeit verändert. Räume werden genutzt, verlassen, stehen leer und werden wieder genutzt. Wenn wir derartige Filme vor unserem geistigen Auge ablaufen lassen, wenn wir anfangen, unsere „Bilder” vom Raum grundsätzlich und ausnahmslos durch „Filme” vom Raum zu ersetzen und in diesen Filmen sehen, wie die Räume über die Zeit von unterschiedlichsten Menschengruppen genutzt werden oder eben nicht genutzt werden, sondern leer stehen, dann fangen wir an zu begreifen, was Mehrfachnutzung ist. Was die Projektkoordination für Mehrfachnutzung der Stadt Wien in den vergangenen 20 Jahren getan hat, was Anbieter von Coworking wie WeWork heute tun ist: die Mehrfachnutzung von Raum ermöglichen.

 

DH: Gibt es verschiedene Art von Mehrfachnutzung?

DW: Wenn die Mitglieder von WeWork – ja, sie heißen nicht mehr MieterInnen – sich in der Lounge des Bürogebäudes spontan einen freien Arbeitsplatz (Hot Desk) aneignen, ist dies ein Beispiel zeitgleicher Nebeneinandernutzung. Andere CoworkerInnen trinken zur selben Zeit an der Bar in der Lounge einen Kaffee, tauschen dort Wissen aus etc. Gegenseitige Beeinflussungen der Nutzungen untereinander müssen in Kauf genommen werden. Gleiches gilt natürlich für die fantastischen Wiener Beispiele von Coworking Spaces, die im Impact Hub, im Rochuspark, bei Stockwerk oder im Packhaus angeboten werden, um nur einige zu nennen.

Bei der von der Projektkoordination für Mehrfachnutzung der Stadt Wien forcierten Öffnung der schulischen Freiflächen für außerschulische Nutzungen handelt es sich überwiegend um eine intelligentere Nacheinandernutzung von Freiflächen. Die Sport- und Freiflächen der Schulen standen nach Schulschluss am Nachmittag, an den Wochenenden und in den Schulferien leer – heute können die Kinder und Jugendlichen einige diese Flächen in den unterrichtsfreien Zeiten nutzen. Warum sollen zusätzlich Sportplätze gebaut werden, wenn diejenigen, die schon da sind, problemlos intensiver genutzt werden können? Die intelligentere Nacheinandernutzung vergrößert soziale Aktionsräume und ist ein sparsamer Umgang mit der knappen Ressource Steuergeld.

 

DH: Wie kann man Potenzial für intelligente Mehrfachnutzung finden und erschließen?

 DW: Der Faktor Zeit hilft uns, die Potenziale einer Intensivierung der Raumnutzung über die Zeit respektive der intelligenteren Nacheinandernutzung zu unterscheiden, was für die Ansprache der EigentümerInnenschaft, die Vertragsformen, die möglichen Nutzungen, und viel mehr bedeutsam ist. Die Leerstandszeiten sind einige Stunden am Tag, ein paar Tage in der Woche, einige Wochen im Jahr und potenziell sogar einige Jahre. Die Ginza Chuo Street, eine der Haupterschließungsstraßen Tokyos, ist beispielweise von April bis September wochentags von 12 bis 18 Uhr – Oktober bis März von 12 bis 17 Uhr – und an den Wochenenden Fußgängerzone. Ansonsten steht sie dem Autoverkehr zur Verfügung – etwas, für das in Österreich bisher leider die gesetzlichen Grundlagen fehlen.

Mehrfachnutzung können wir schlussendlich so begreifen, dass einem Ort unter Berücksichtigung des Faktors Zeit mehrere Nutzungen zugeordnet werden. Damit dies gelingt, braucht es Ideen für die Nutzungen und Ideen, wer die Organisation der Raumnutzung über Zeit in welcher Form organisiert. Und die Idee allein reicht nicht; es braucht natürlich auch die notwendigen individuellen Fähigkeiten und Fähigkeiten der Organisation, die Ideen bei der Behörde oder am Markt umzusetzen.

 

DH: Warum ist Mehrfachnutzung wichtig für Smart Cities? 

DW: Die Nutzungsdichte ist nicht zu verwechseln mit der baulichen Dichte. Die bauliche Dichte sagt nicht per se etwas darüber aus, ob eine City „smart“ oder „unsmart“ ist, da nicht klar ist, ob und wie intensiv der gebaute Raum genutzt wird. Die Nutzungsdichte wäre das geeignete Analysekriterium für Smart Cities oder anders ausgedrückt: die Mehrfachnutzung macht Cities smart und dies potenziell sehr schnell und ohne Investitionsbedarf.

 

DH: Warum ist Mehrfachnutzung auch Wirtschaftsförderung?

DW: Sie schafft beispielsweise in Städten wie Wien, die kaum Industriebrachen haben, kostengünstige Flächen für Kreative. Die Kreativen und die Kreativwirtschaft sind schlussendlich wieder entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung von Städten wie z.B. Wien. Die Sprayer und Skater von heute sind die FirmengründerInnen von morgen. Das wird deutlich anhand der Geschichte San Franciscos und der Bay Area in den USA, einst Mekka der Hippies und heute Sitz zahlloser erfolgreicher Technologie- und Internetfirmen. Schauen wir Berlin an. Die Stadt war seit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 jahrzehntelang geprägt durch Industriebrachen, insbesondere im Osten der Stadt, was für günstige Atelierflächen sorgte. Berlin war und ist vielleicht noch heute geprägt durch wilde und zum Teil illegale Partys, was wiederum kreative Menschen aus ganz Europa anzog. 2015 flossen 2,1 Mrd. Euro Risikokapital in Berliner Startup – erstmals mehr als in London, Paris oder Stockholm.

 

DH: Wie kann Architektur Smart Occupancy unterstützen bzw. intensivieren?

DW: Es gibt zwei Pole der Architektur der Smart Occupancy: die „technisch erkaufte“ Nutzungsflexibilität und die interpretierbare Architektur – die interpretierbaren Archetypen im Sinne von Herman Hertzberger. Die volle Erschließung der Potenziale der Nebeneinander- und Nacheinandernutzung braucht ein nutzerInnenzentriertes Architekturverständnis. Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel technisch erkaufter Nutzungsflexibilität ist der „Palais omnisports de Paris-Bercy“. Der von Michel Andrault, Pierre Parat, Jean Prouvé und Aydın Guvan entworfene und 1984 eingeweihte futuristische Bau in Pyramidenform kann je nach Veranstaltung rund 30 mögliche Konfigurationen einnehmen und von 8.000 bis zu 20.300 ZuschauerInnen aufnehmen. Sportveranstaltungen von Windsurfen über Motocross bis Leichtathletik wechseln sich dort mit Konzertveranstaltungen, Musikshows oder Zirkusveranstaltungen ab. Die Renovierung und Modernisierung 2013/14 soll rund 100 Mio. Euro gekostet haben. Herman Hertzbergers Archetypen, wie z.B. Treppen, Kuhlen oder Podeste, ermöglichen multiple Nutzungen so wie sie sind! Die Treppe eignet sich zum Laufen, zum Sitzen, zum Spielen, zum Arbeiten, zum Beobachten etc. Die Beobachtung, was Kinder mit Raumkonfigurationen und Objekten machen, wofür sie sie nutzen, erschließt uns – wenn wir es zulassen – die Welt von Hermann Hertzberger, die Welt der interpretierbaren Archetypen.

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